Wir möchten nicht Meinungsjournalismus in dem Sinne treiben, daß am Ende eines Beitrags, einer Reportage oder eines Essays, dem Leser erklärt wird, was er jetzt über diese Sache zu denken habe. Diese Art von Pädagogik grassiert im deutschen Journalismus förmlich. Die Einteilung der Welt in goodies und baddies ist eine sonderbare und manchmal etwas dümmliche Leidenschaft. Sie führt zwangsläufig zur Unterschätzung des Lesers. Im Fernsehen ist diese Enteignung vom eigenen Urteil am prägnantesten. Man wird immer von irgendwelchen Moderatoren, Kommentatoren und Seelsorgern bei der Hand genommen. Mich erbittert das. Zumindest wir, also die Leute, die diese Zeitschrift machen, haben das satt.
Der deutsche Journalismus neigt, wie gesagt, zur Emehurigsdiktatur. Diese Erziehungsdiktatur ist mir absolut verhaßt. Wir brauchen diesen Fernsehonkel nicht, der uns sagt, was wir zu denken haben. Ich glaube, daß es eine kritische Zahl von Leuten gibt, denen das nicht länger zugemutet werden kann. Den ewig hilfebedürftigen Leser, diesen kulturellen Sozialfall, halte ich für ein Phantom, das hauptsächlich in Funkhäusern und Konzernetagen herumgeistert. Ich glaube, daß diese ganze Rhetorik nach unten, diese ganze Rhetorik über das blöde Publikum, die bei Programmdirektoren, bei Marketingleuten verbreitet ist, einfach nicht stimmt. Etwas wirklich Begründetes wird sich darüber erst sagen lassen, wenn man es einmal umgekehrt versucht.
tiltnonstop - 8. Jul, 17:27